Digitalisierungsexperte Christoph Krause
Thema

Vom Denken zum Machen –
Ein Gespräch mit Christoph Krause

Herr Krause, vom Tracking in Echtzeit bis zu einer vollständig digitalisierten Lieferkette: Die Einsatzmöglichkeiten von Cloud-Diensten, schnellen Datenverbindungen, Ortungsdiensten und smarten Lösungen sind erst der Anfang. Wo geht die Reise hin?

Meiner Meinung nach gibt es drei große Themen, die die Logistik der großen und kleinen Unternehmen massiv beeinflussen werden. Das sind Lösungen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz, die Geschäftsmodelle, die im Internet der Dinge schlummern und die ersten wirklichen Erfolge im Bereich der additiven Fertigung. Wir sollten jedoch nicht nur die digitale Transformation betrachten. Der wachsende Druck unsere gesamten Mobilitätslösungen aufgrund klimatischer Bedingungen und endender Rohstoffe neu zu denken ist eine große Chance für den Bereich der Logistiker. Hier geht es um neue Antriebssysteme, autonomes Fortbewegen, den Einsatz von mobilen Robotersystemen und nicht zuletzt um die Frage, welcher der Verkehrswege sich zukunftsweisend entwickeln wird. Auf dem Wasser können noch unglaubliche Potentiale gehoben werden.

Welche Rolle spielt KI in der Logistik?

Künstliche Intelligenz oder besser digitale Assistenzsysteme auf Basis von maschinellem Lernen spielen gerade in der Logistik schon heute eine enorme Rolle. Wie schon bei dem Begriff Industrie 4.0 täuscht auch das Buzzwort Künstliche Intelligenz über den konkreten Nutzen in der gesamten Wortschöpfung hinweg. Industrie 4.0 kann nur erfolgreich sein, wenn Service 4.0 hinten rauskommt. Gleichsam müssen digitale Assistenzsysteme echte Mehrwerte bereitstellen. Und das können sie gerade in der Logistik. Intelligente Datenanalyse braucht viele Daten. In der gesamten logistischen Kette fallen jede Menge strukturierte und unstrukturierte Daten an. Für das Nutzbarmachen dieser vielen Informationen ist künstliche Intelligenz geradezu prädestiniert. Vorbei die Zeit der Mutmaßungen und groben Schätzungen. Durch digitale Assistenten lassen sich proaktiv konkrete und zuverlässige Voraussagen treffen. So unterstützen schon heute eine Vielzahl eingesetzter intelligenter Systeme die Lagerlogistik. Ob kleines Lagerhaus oder komplexer Hafen – Ziel kann es sein besser zu simulieren, automatisierte Prozesse zu optimieren, die Wege im Lager intelligent zu verkürzen oder aber fahrerlose Transportsysteme zum Einsatz zu bringen.

Wird die in Aussicht gestellte autonome Schifffahrt diesen Prozess beschleunigen?

Die autonome Schifffahrt wird nicht ohne digitalen Assistenzsysteme funktionieren. Autonome Schifffahrt kann nur auf Grundlage von erfassten und auswertbaren Daten der bisherigen Praxis gelingen. Flexibel einsetzbare Binnenschiffe unterschiedlicher Größe, die sich digital untereinander abstimmen, nötige Aufträge und Routen selbst planen und berechnen und ihre Ladung eigenständig auf- und abladen. Eine der Visionen, um die brachliegenden Potenziale auf dem Wasser zu heben. Dies geht nur wenn einige Hausaufgaben gelöst werden. Angefangen vom flächendeckenden und grenzüberschreitenden E-Frachtbrief, der Umsetzung einer offenen Schnittstelle zwischen Hafen, Verlader und Verwaltung, der Schaffung einer digitalen Plattform zur Verrechnung von Abgaben und Gebühren durch Behörden bis hin zur Entwicklung einer Plattformlösung um Barge2Barge- Kommunikation zu ermöglichen. Genau hier liegen einige der vielen Potentiale neuer Geschäftsmodelle, die mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz machbar werden.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Logistik 4.0 Realität wird – ohne wenn und aber?

Vom Denken zum Machen muss die Devise sein. Raus aus der Komfortzone des florierenden Logistik-Marktes. Wir sind noch groß im Denken und Entwickeln aber viel zu langsam in der konkreten Umsetzung in tragfähige digitale Geschäftsmodelle. Neue disruptive Lösungen kommen noch viel zu selten aus den Stammbranchen, sondern werden von außen durch Querdenker zum Erfolg getrieben. Hier muss ein Umdenken in den Unternehmen stattfinden. Wir sollten Spielplätze für digitale Erfahrungen in den Unternehmen einrichten. Wir sollten Macherwerkstätten einrichten, in denen unsere Mitarbeiter zu Intrapreneuren werden können. Die Mitarbeiter kennen doch am besten die echten Prozesse. Angereichert mit digitalen Vordenkern und unseren Kunden lassen sich erfolgreiche Teams für den digitalen Wandel bauen. Und nicht vergessen: die Transformation der Logistik kann nur gelingen, wenn wir alle mitnehmen. Das heißt digitale Bildung muss endlich ernst genommen werden. Nicht die Berufe in der Logistik werden verschwinden, jedoch werden sich die Tätigkeiten massiv verändern. Ausnahmen? Keine! Vom Maschinenführer bis zur Führungskraft – alle werden wir lernen müssen prozessübergreifend zu agieren, neue digitale Werkzeuge effizient einzusetzen und digitale Wissensunterstützung während der Arbeit zu integrieren. Folgende Voraussetzung im Unternehmen müssen also erfüllt sein: 1. Jedes Unternehmen sollte eine 5-Jahrestartegie erarbeitet haben, wie es sich auf die Veränderung durch KI und IOT einstellen wird. 2. Zudem sollte ein konkreter Fahrplan für die Sensibilisierung der Mitarbeiter vorhanden sein. 3. Ein funktionierendes Netzwerk aus digitalen Experten und Umsetzern muss aufgebaut und gepflegt werden. 4. Auch intern sollte ein Abteilungsübergreifendes Team zur Umsetzung digitaler Projekte installiert werden. Eine IT Abteilung reicht hier nicht. Das Thema muss ganzheitlich gesteuert und bespielt werden. 5. Ohne laborhafte Teststellungen lässt sich Neues nicht entwickeln und Kunden nicht begeistern. Ein Entwicklungsumgebung ist daher ein notwendiges Werkzeug um die Ideen in eine erfolgreiche Umsetzung zu bringen. 6. Umso mehr digitale Lösungen eingesetzt erden um so angreifbar wird unsere Infrastruktur. Hier braucht es in Intervallen angelegtes Penetration Testing auf technischer und menschlicher Ebene und klare Antworten seitens der IT-Sicherheit.

Ist der Weg zur vollständigen Digitalisierung der Transportkette noch ein sehr weiter?

Die digitale Transformation ist kein endender Prozess und schon gar kein Schalter, den ich einfach umlegen kann. Der Weg ist ein weiter und doch einer, den wir gemeinsam unglaublich schnell werden gehen müssen. Sonst werden es Player wie Amazon und Co. für uns erledigen. Einen eigenen Flugplatz betreibt die Plattform schon erfolgreich. Je schneller wir es also schaffen die Informationen aller Prozessbeteiligten schnell und effizient auszutauschen, umso größer ist unsere Chance tatsächlich neue digitale Services 4.0 am Markt zu etablieren. Unsere Prozesse sind das Gold von Morgen. Also weg mit dem Konkurrenzdenken und hin zu offenen Plattformen, Schnittstellen und plattformbasierten Werkzeugen. Wenn wir hier nicht ein offenes Europa denken und bauen sehe ich keiner Chancen gegen die neuen Player die gekonnt Ihre Seidenstraße über alle Kontinente hinweg aufbauen. Und hier sind wir alle gefordert! Wie sage ich oft: Machen ist wie Wollen, nur krasser. Auf geht’s!

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